PressFisch: Irrfisch, stellst du dich mal kurz vor?!
Irrfisch: Ich bin der Irrfisch wobei ich nicht verstehe, wie ich zu diesem Namen gekommen bin. Aber ich bin toll. Ich bin so toll, dass ich mich jeden Tag anschauen muss.
PressFisch: Du schwimmst also gerne vor dem Spiegel auf und ab?
Irrfisch: Der Spiegel lügt. Dort sehe ich nicht gut aus. Ich habe mein Foto neben dem Bett es ist so wahnsinnig schön, ich bin richtig verliebt in mich. Klug, schön, intelligent, eloquent…
PressFisch: Ähem ja, wenn ich kurz unterbrechen darf. Wenn das Foto so wichtig ist, muss du aufpassen, dass es nicht gestohlen wird, ha ha ha…
Irrfisch: Oh, keine Bange. Ich schließe immer zu. Niemand betritt diesen Raum, selbst die Seepferdchen nicht!
PressFisch: Apropos Seepferdchen. Du hast davon drei oder?
Irrfisch: Ja, drei. Aber zwei davon sind einfach nur Verräter, denen traue ich nicht. Sie wollen immer nur mein Geld und sind oft garstig zu mir. Dabei meine ich es doch nur gut aber sie sind zu dumm, dass zu erkennen. Sie sind Schmarotzer aber sie interessieren mich auch nicht mehr.
PressFisch: Das finde ich ziemlich heftig. Was ist mit dem dritten Seepferdchen?
Irrfisch: Ach, das dritte Seepferdchen gehört ganz alleine mir. Ich lese ihm jeden Wunsch von den Augen ab und kümmere mich darum, dass es keine Fehler macht. Die anderen beiden sind nur störrisch aber das kleine Seepferdchen hört auf Mama. Denn Mama Irrfisch weiß, was gut ist. Oh ja, dass weiß ich immer. Viele Menschen wissen das nicht und ich helfe ihnen dabei, es zu lernen. Sie sind dumm und erkennen nicht die Wahrheit. Ich kenne die Wahrheit. Ich erkenne sie sofort, dass kann ich sooooo gut.
PressFisch: Denkt das kleine Seepferdchen ebenso?
Irrfisch: Es ist auch bereits etwas störrisch (der Irrfisch schüttelt verdrießlich seine Schuppen – Anm. d. Redaktion). Der Laptopfisch und der Chanelfisch haben einen schlechten Einfluss. (der Irrfisch flüstert und kneift die silberblickenden Augen zusammen). Noch schlimmer sind der Schellfisch und der Kitafisch. Sie haben sich gegen mich verschworen aber sie bekommen den Pferdefisch nicht. Oh nein, der gehört mir, mir ganz alleine. Sogar der Jurafisch ist ihnen auf den Leim gegangen aber ich habe sie ausgetrickst, hihi, war ganz einfach. Jetzt ist wieder alles gut für mich. Die Welt wartet schließlich auf mich. Hatte ich das schon erwähnt?
PressFisch: Räusper, nein. Ja, vielen Dank für das Gespräch. Ich hoffe, wir sehen uns nicht wieder!
Irrfisch: Vielen Dank. Ich denke, dass war ein bemerkenswertes Interview!
PressFisch: In der Tat!

Ich bin erstaunt, gar entsetzt, wie schnell ich geneigt bin, einem scheinbaren Burgfrieden zu trauen. Nur weil man die Termiten nicht hört heißt es nicht, dass sie nicht alles unterhöhlen und zum Einsturz bringen werden. Genau das ist aber die Taktik des Irrfischs. Seine Welt besteht aus Lügen, Drohungen und perfidem Wahnsinn. Eine Kombination eines Horrorstreifens würdig. Nur dass in diesem Streifen die Seepferdchen die Opfer sind und der Pferdefisch im Augenblick sehr stark sein muss. Aber auch sein Mut, seine Standhaftigkeit und seine unglaublich optimistische Lebenseinstellung scheinen zu bröckeln. Alle offiziellen Fische schauen auf das Spektakel und jeder wähnt den anderen in der Pflicht und so passiert, wie sollte es anders sein, NICHTS! Um das Böse zu finden muss ich keinen King lesen oder einen Horror-Streifen anschauen. Das geht viel einfacher. Alleine die Aura des dunklen Irrfischs ist vollgesogen mit zerstörerischen Gedanken und paranoidem Gehabe. Wie kann man so etwas ertragen? Ich konnte es nicht und schwamm davon. Die Seepferdchen haben diese Option nicht. Ich hoffe sehr, dass sie auch weiterhin ihre Kräfte vereinen und auch den schwächsten von ihnen, den Pferdefisch, nicht aus den Augen lassen.
Eines Tages wird der Irrfisch erkennen, was er alles getan hat und diese Erkenntnis wird ihn bis in seine Grundfesten erschüttern. Aber auch der Schellfisch trägt viele Narben davon und er darf sich nicht beklagen. Lange, viel zu lange, hat er dem Treiben tatenlos zugeschaut und nun erntet er die Früchte aus bleigrauer Zeit.

Der Irrfisch ist unbelehrbar! Nachdem ihm der Jurafisch die Strömung gewiesen hatte, glaubte ich, vielleicht war es auch mehr ein Wunsch, dass sich die Wasser für die Seepferdchen, insbesondere den Pferdefisch, ein wenig aufhellen würden. Aber ich hatte nicht mit der vom Wahnsinn getriebenen Bösartigkeit des Irrfischs gerechnet. Immer wieder verfalle ich dem Irrtum, die Talsohle allen Übels wäre bereits erreicht und immer wieder belehren mich düstere, aufgewirbelte Schlammmassen, eines Besseren. Für ein paar Minuten, Minuten die eine Ewigkeit wähnten, stockte mir der Atem und die Kiemen standen reglos still. Ich konnte es nicht fassen, die Tragweite nicht ermessen aber dann fühlte ich nur noch den Schmerz. Es war nicht mein Schmerz, es war die Zerrissenheit des Pferdefischs und es gibt nichts, was mich mehr verletzen könnte. Kann dem niemand Einhalt gebieten? Alle offiziellen Blicke sind vage, unbestimmt und abwartend. Abwarten worauf? Auf das Unaussprechliche? Ich will darauf nicht warten, will keine tiefen Narben auf junger Seele, keine Angst in den Augen und kein Flehen mehr im Blick.
Toll, wie sich alles selber organisiert, ohne die Betroffenen zu sehen, geschweige denn, ihnen zu helfen und den Spuk zu beenden. Irgendwann werde ich das alles niederschreiben und dem Bösen einen Namen geben…

Es war nicht die beste Nacht, die hinter mir liegt. Viele Strömungen zerrten an mir, heiße und kalte Wasser umspülten mich und trieben mich weit hinaus in das unendliche Meer der Gedanken. Die Seepferdchen zählen auf mich, der Kitafisch ist mir stets ganz nah und ich weiß, es gibt noch andere Fische, die meine Sorgen teilen und deren Wünsche mich begleiten. Jetzt kommt es nur noch darauf an, zu welchem Ergebnis der Jurafisch gekommen ist. Ich bin skeptisch, zu Unrecht hoffe ich. Bald werde ich es wissen…

Update:

Einige Stunden sind vergangen und langsam kehre ich in die normale Welt zurück. Was ist das Ergebnis? Wäre alles eine Bergtour gewesen, mit dem Ziel einen Achttausender zu besteigen, dies in einem Marsch zu tun (immerhin war ich fit und gerüstet und hervorragend vorbereitet) so hätten mich die Bergführer nur ins erste Basislager gebracht. Ein Fortschritt, könnte man sagen aber die Luft ist auch dünner geworden und jeder weitere Schritt will wohl bedacht sein.
Diese Woche ist nun vorüber und sie hat Spuren hinterlassen. Nur wenig davon kann ich unter Verbesserung verbuchen. Dafür ist der Preis viel zu hoch, den alle, den Irrfisch mal ausgenommen, zu zahlen haben. Aber der Irrfisch muss sich auch nicht an Regeln halten, er kann schwimmen wo er will und tun was er will. Fast, zumindest. Für den Pferdefisch wird es auf der einen Seite leichter werden aber er gerät auch noch mehr ins Visier des Pferdefischs. Der Laptopfisch hat alles, was er geben konnte, investiert und fast nichts zurückbekommen. Das tut mir unglaublich weh. Der Chanelfisch wird es auch nicht verstehen aber alle drei Seepferdchen wissen auch, es geht weiter und es wird besser. Versprochen!

Für die Kraft, die der Kitafisch im Augenblick aufbringen muss fehlen mir die Worte. Immer, wenn ich ihn brauche, ist er für mich da. Er scheut keine Anstrengung, selbst in den schwierigsten und schlimmsten Situationen, an meiner Seite zu weilen. Ohne dich wäre ich niemals so weit gekommen, danke!

Eigentlich möchte ich heute gar nicht schreiben. Eigentlich möchte ich den Tag am Vormittag angehalten haben. Die Stunden gleiten mir durch die Finger und nun schwimme ich durch sich eintrübendes Wasser. Es ist ein Schreckensbild in der Ferne aufgetaucht. Etwas, dass ich so nicht für möglich gehalten habe. Ganz tief drinnen hoffe ich, dass es sich um eine Fata Morgana handelt, aber all meine Erfahrungen beteuern das Gegenteil. Morgen um diese Zeit werde ich rückwirkend zu dieser Zeit sagen, dass ich mich geirrt habe oder dass ich es wusste. Ich hoffe auf ersteres, natürlich! Immer wieder wird mir dann schmerzlich bewusst, dass, wenn man das Schicksal aus der Hand geben muss, nie wirklich sichergestellt ist, dass sich alles zum Guten wendet. Noch ist nichts entschieden, eine Entscheidung noch nicht einmal angedacht und doch werde ich das Gefühl nicht los, nicht genügend getan zu haben. Ich sehe den verständnislosen Blick des Laptopfischs, die verstohlenen Zeichen des Pferdefischs und den Frust und Ärger des Chanelfischs. Alle sind sich einig und nur der Irrfisch schwimmt in die falsche Richtung. Es ist, als würde man nicht den Geisterschwimmer aus dem Strudel ziehen sondern alle Fische, die sich in die richtige Richtung bewegen. Was für eine furchtbare Vorstellung. Ich werde diesen Gedanken, bis zum Beweis des Gegenteils, ganz weit nach hinten verbannen…

Ich bin einfach nur schockiert! Wahnsinn in unmittelbarer Nähe zu erleben ist dramatisch. Die einzige Steigerung, die mir dazu noch einfällt ist, die Seepferdchen daran teilhaben zu lassen. Genau dies ist heute passiert! Ich bin noch immer fassungslos, welche abgrundtiefe Bosheit hier an die Oberfläche dringt. Sie war latent vorhanden, ich habe es nicht sehen wollen und werde mich bis ans Ende meiner Tage fragen müssen, weshalb ich meine Augen davor verschloss. Aber ich werde um den Pferdefisch kämpfen, nicht zulassen, dass seine Welt in Scherben bricht, nicht zulassen, dass auch der Laptopfisch weiter Tränen vergießen muss und der Chanelfisch den Glauben an Recht und Ordnung komplett verliert. Nachher kommt der Jurafisch und wird die Seepferdchen treffen. Vermutlich wird der Irrfisch wieder panisch vor dem Höhleneingang auf und ab schwimmen und darauf warten, hereinzustürmen und die Seepferdchen ihrer Verfehlungen zu bezichtigen.

Update:

Der Jurafisch hat mit zwei der Seepferdchen gesprochen und der Irrfisch konnte weder dabei sein noch plötzlich hereinplatzen. Das war wohl schrecklich für ihn, seine verquere Sicht auf die Wasserwelt nicht verlautbaren zu können. Inzwischen haben alle offiziellen Fische bemerkt, dass der Irrfisch ziellos durch die Wasser treibt, Schlamm ohne Ende aufwirbelt und darauf hofft, damit die Augen und Kiemen der anderen Bewohner verstopfen zu können. Aber sowohl der Trainerfisch als auch der Zwillingsmutterfisch sehen dass nicht so und das beruhigt mich ein wenig. Manchmal zweifle ich, ob mein Anspruch an Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit einfach zu hoch und nicht von dieser Welt ist. Beträfe es nur mich, wäre es egal. Aber die Seepferdchen müssen diese giftige Dunstwolke so schnell für möglich verlassen.
Noch zwei Tage…

So etwas wie Ruhe vor dem Sturm gibt es nur im Film oder in Büchern. Zumindest habe ich das bisher immer so empfunden. Heute habe ich den ganzen Tag gelauscht. Ich lauschte auf Stimmen, die mir zuflüstern würden, dass ich alles richtig oder falsch gemacht habe. Letzteres hätte ich sofort verworfen. Trotzdem bin ich ein wenig angespannt und daran hat auch meine große Schwimmrunde durch den Unterwasserwald nichts geändert. Der Laptopfisch schrieb mir, dass alles ruhig sei und auch der Chanelfisch äußerte Ähnliches. Den Pferdefisch sehe ich morgen, eventuell. Aber morgen steht auch eine weitere Prüfung an und es ist ganz schlimm für mich, den Seepferdchen nicht beistehen zu können. Der Irrfisch hat seine Flossen nur wenig bewegt und kaum Schlamm aufgewirbelt. Ein gutes Zeichen? Ich weiß es nicht, hoffe jedoch, auch in 24 Stunden keinen Grund zur Panik zu haben…

Die Woche der Wochen hat begonnen und ich weiß nicht recht, wie ich mich fühlen soll.
Erleichterung? Vielleicht ein wenig aber sie erleichtert mich nicht.
Hoffnung? Ja, ganz viel aber um welchen Preis.
Angst? Enorm, wie wird es enden?
Die Seepferdchen sind ab jetzt im Ausnahmezustand. Der Laptopfisch und der Pferdefisch trafen auf den Schwarmaufseher für Jugendfische. Sie waren weder froh noch zuversichtlich und Tränen blieben nicht aus. Ich schaute, las und hörte es nur aus der Ferne. Es ist einfach schrecklich, so hilflos zu sein.
Der Irrfisch wurde dagegen seinem Namen vollauf gerecht und hat ein Paradebeispiel seiner derzeitigen Fähigkeiten präsentiert. Aber gerade das lässt meine Befürchtungen weiter wachsen. So schwimme ich ganz unruhig auf und ab und harre der Dinge, die jetzt kommen mögen. Mein Glauben an die Gerechtigkeit wurde noch niemals auf eine solche Probe gestellt. Wenn ich auch sonst auf ein Happy End nur mit leichten Lächeln herabschaue, so wünsche ich mir jetzt nichts sehnlicher…

Wirft man einen Stein ins Wasser so breiten sich Wellen aus, die sich irgendwo in der Dunkelheit oder einfach hinter dem Horizont verlieren. Alles was sich auf der Wasseroberfläche befindet gerät in Bewegung, ob es nun möchte oder nicht. Sind die Wellen nun stark genug, sind sie erfüllt mit guten oder schlechten Energien, kann es passieren, dass Pflanzen herausgerissen, einfach entwurzelt werden. Was passiert mit ihnen? Sie wurden nicht gefragt und treiben nun dahin. Ist es ein Trost für sie, dass der Gegenstand, der Gedanke, die Idee, die diesen Mini-Tsunami auslöste, ein guter war? Actio gleich Reactio haben wir in der Schwarmschule gelernt. Trifft diese Begründung auch hier zu? Manchmal treibe ich alleine durch das Wasser, spüre, wenn ich mich nicht bewege, wie die Strömung mich vorantreibt. Irgendwann habe ich mal die Richtung gewählt und ich bereue es nicht, nein. Aber wie weit reicht die Verantwortung, die man durch die Tragweite seiner Entscheidungen übernimmt? Früher habe ich versucht, alles und jeden zu beschützen. Das möchte ich auch heute noch oft. Aber damit ignoriere ich die Eigenständigkeit anderer Fische. Glück und Schmerz liegen zu eng beieinander als dass man sie dauerhaft trennen könnte.

Wenn der Irrfisch im Quadrat schwimmt muss etwas in seiner Welt ganz gewaltig nicht stimmen. Da er seine Welt ständig und selber erschafft, ist es nicht einfach, durch diese, sonst so undurchdringlichen Wände, hindurch zu gelangen. Aber nun stehen zwei Treffen mit dem Jurafisch ins Haus. Die Seepferdchen sind noch etwas verängstigt aber zuversichtlich. Der Irrfisch brodelt und keift, paddelt, Gischt aufwirbelnd, wild durch das Wasser. Er kann es nicht ertragen, dass man seine Welt in Zweifel zieht und wird seinem Namen von Tag zu Tag gerechter.
Es ist erschreckend, welche Abgründe sich hier eröffnen und wie schnell selbst tief verankerte Bindungen aufbrechen und beiseite geschoben werden. Ich hoffe sehr, dass auch der Jurafisch das sehen und erkennen wird. High Noon ist dann am vorletzten Tag des Monats im Reich des Jurafischs und wenn mein Glauben an Gerechtigkeit nicht zutiefst erschüttert werden soll, erwarte ich eine Lösung für die Seepferdchen. Ihre Bewegungen sind in den letzten Wochen lange nicht mehr so fröhlich, wie ich sie in Erinnerung habe. Der böse Atem des Irrfischs hat sie zermürbt, zehrt an ihren Kräften. Aber egal, wie die Entscheidung ausfallen wird, ich werde mich immer vor die Seepferdchen stellen, vor ihnen auf und ab schwimmen das Böse zu vertreiben suchen. Drückt mir alle Flossen, dass das Wasser seine trüben Schleier verlieren wird und auch der Irrfisch endlich bekommt, was er braucht: Hilfe!!

Date Fisch

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